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Woran dein Herz hängt

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Workshop zum Thema „Vertreibung, Erstarrung, Versöhnung“ im Westpreußischen Landesmuseum

Bericht von Camilla da Silva

Im Westpreußischen Landesmuseum sammeln sich Erinnerungen: Die zentrale Einrichtung zur Historie und Kultur des historischen Westpreußens erzählt die Geschichten der Menschen, die im Zuge von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Heimat hinter sich lassen mussten. Am vergangenen Dienstag, den 19. April 2016, bekamen Schüler der Oberstufe des Mariengymnasiums und Laurentianums die Möglichkeit, die Schicksale und Familiengeschichten derjenigen, die die große Vertreibung miterlebten, kennen zu lernen: Im Zusammenhang mit dem Thema „Vertreibung, Erstarrung, Versöhnung” und in Hinblick auf die aktuelle politische Situation auf der Welt schilderten die Zeitzeugen Roswitha Möller, Herbert Kober und Hermann Flatau ihre Erinnerungen an Flucht, Vertreibung und Deportation.

Herbert Kober bezeichnete sich selbst als Schlesier und Münsteraner. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste er seine erste Heimat Rosenthal verlassen. Er rief die Zuschauer dazu auf, sich in die Lage eines Kindes zu versetzen, dessen Familie den Befehl erhält, so viel, „woran das Herz hängt“, für immer hinter sich zu lassen.
Es folgte die Reise in den Westen per Viehtransporter. Viele kleine Kinder und Gebrechliche erlagen den bitteren Umständen. Die „Ausladung“ in Warendorf und schließlich Coesfeld war wie eine Erlösung, wobei die Zwangsaufnahme durch deutsche Familien die Vertriebenen förmlich wie einen Störfaktor erscheinen ließ. Ein Zustand geprägt von Unsicherheit, Fremde und verlorener Heimat. Dennoch betonte Herbert Kober, dass auch nach langer Feindschaft Versöhnung möglich sei. Damals trafen verfeindete Völker aufeinander, doch nun, erzählte er, pflege er Freundschaften mit Polen, die von großem Verständnis und Vergebung geprägt sind.

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Roswitha Möllers Familie flüchtete aus Danzig nach Westdeutschland. Die langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen und heutige Vorsitzende des Bundes der Danziger betonte, dass es wichtig sei, die historischen Fakten zu kennen, um das Ausmaß der damaligen Vertreibung und Flucht fassen zu können. Sie hob hervor, wie viel Halt ihr und vielen anderen die Gründung von Interessengemeinschaften Ost­vertriebener gegeben habe. Auch Hermann Flatau erzählte von der Kindheit in Pommern und der „russischen Walze“, der Ausbeutung und der Vertreibung aus der Heimat. Die vielen emotionalen Erinnerungen ließen ihn sein für diesen Vortrag vorbereitetes Konzept verwerfen. Doch eben dieses sprunghafte Erzählen und das authentische Aufgehen in seinen Erinnerungen brachte uns Schülern besonders nahe, was die vertriebenen Menschen damals durchmachten, wie viel wir von ihren Erfahrungen in Bezug auf die heutige Flüchtlingsintegration lernen können und wie wichtig es ist, nach ihren Geschichten zu fragen.
Abschließend gab Hermann Flatau uns Schülern eine wichtige Weisheit mit auf den Weg, die ihm zu einem neuen Leben verhalf: „Lernt etwas! Was ihr im Kopf habt, kann euch keiner nehmen.”

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