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Auf dem Weg zum größten Friedhof der Geschichte


Studienreise nach Krakau und Auschwitz

Bericht von Adrian Grimpe und Georgios Paroglou

Im Herbst 2015 meldeten wir uns für eine Studienreise nach Krakau an, die vom Kulturreferat für Westpreußen, Posener Land, Mittelpolen, Wolhynien und Galizien bezuschusst wurde. Magdalena Oxfort ist die Kulturreferentin am Museum, sie hat die gesamte Studienreise, die Unterkunft und das Programm organisiert. „Bei unserer Studienreise möchte ich euch die deutsch-polnische Kultur zeigen, aber auch die Geschichte, die Deutschland und Polen verbindet,“ erklärte uns die Wissenschaftlerin bei unserem ersten Vorbereitungstreffen. Das war im Juni 2016. Wir, das sind 14 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe elf des Mariengymnasiums Warendorf. In derselben Woche nahm unsere Stufe an einem Zeitzeugengespräch mit Erna de Vries teil. Die Holocaust-Überlebende berichtete, wie sie, im Innenhof des Block 25 gefangen, auf ihren Tod warten musste. „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“, ihr letzter Wunsch. Das Schicksal aber ließ sie weiterleben, man entschied, sie wieder als Zwangsarbeiterin einzusetzen.

Eine Woche später traf sich unsere Gruppe noch einmal, mit dabei die Geschichtslehrer David Feldkämper und Cordula Mense-Frerich, die die Reise begleiten würden. Es ging um die Entrechtung der Juden unter der NS-Diktatur. Wir bekamen außerdem eine Ausgabe der „Maus“, ein Comic über das Schicksal eines Holocaust-Überlebenden. Rückblickend fühlt sich Geschichte ganz anders an, wenn man sie mit den eigenen Augen gesehen hat.

Im August 2016 fand das letzte Treffen vor der Reise statt. Wir waren gespannt, alle hatten ganz unterschiedliche Vorstellungen von dem, was wir in Krakau und Auschwitz sehen würden. „Man liest über Auschwitz immer nur in Geschichtsbüchern. Aber den Ort selbst zu sehen, das stelle ich mir noch mal ganz anders vor,“ so die Schülerin Anne Schulze-Terharn damals.

Am Dienstag, den 30. August 2016 war es soweit. Wir flogen vom Flughafen Dortmund aus nach Krakau. Auch wenn es niemand zugegeben hätte, aufgeregt waren wir schon. Nachmittags beziehen wir unsere Zimmer im Hostel, das sich im jüdischen Viertel Kazimierz befindet. Am selben Abend noch hatten wir die Gelegenheit, die Stadt Krakau kennenzulernen. Felix Gericke findet: „In Krakau erlebt man eine ganz andere Kultur. Überall gibt es historische Fassaden, die Geschichte wird am Leben gehalten.“ Diese Beobachtung haben wir noch öfter gemacht.

Gleich am nächsten Tag gingen wir zum Stadtteil Podgórze in dem sich das Krakauer Ghetto befand, vorbei am „Platz der Ghettohelden“. Dort ist das bekannte Mahnmal zu sehen, welches aus 70 übergroßen Metallstühlen besteht und an die Selektionen durch die Nazis erinnert. Der weitere Weg führt uns zur Email-Fabrik von Oskar Schindler, in der heute das Schindler Museum gelegen ist. Filme, Musik sowie Sound- und Lichteffekte lassen den Besucher die erdrückende Enge nachempfinden, die die jüdischen Zwangsarbeiter in der NS-Maschinerie quälten. Oskar Schindler selbst, die Heldenfigur unter den NS-Besatzern, ist in der Ausstellung hintergründig, mehr noch geht es um die Stadt Krakau selbst unter der Nazi-Diktatur. Immer wieder sieht man, wie emotional behaftet das Thema noch unter den Krakauern ist: „Du konntest als Jude rausgehen, um was zu kaufen, und hast deine Familie nie wieder gesehen“, kritisiert unsere Museumsführerin die Willkür der SS. Hiernach führte uns Magdalena Oxfort mit ihrem Assistenten ins jüdische Viertel. Überall waren Verweise auf eine Zeit zu sehen, die tiefe Narben bei den jüdischen Polen in Krakau hinterlassen hat: So erinnern Graffiti an die Schikanen durch die NS-Besatzer. Zugleich konnten wir aber auch beobachten, wie spannend sich dieses Viertel entwickelt: junge Menschen lassen ich dort nieder, eröffnen ihre Läden und machen aus Kazimierz einen kreativen Stadtteil, in dem das moderne Leben auf die alte Geschichte trifft. Hierfür sprechen auch die noch erhaltenen Synagogen, die wir uns zusammen angeschaut und besichtigt haben. Die jüdische Kultur konnte nach dem Zweiten Weltkrieg dort wieder Fuß fassen und wird seitdem gepflegt und auch gelebt.

 


Nicht nur für die Geschichtsbücher

Am Donnerstag, den 1. September, besuchen wir Auschwitz. Es war wohl der emotionalste Höhepunkt unserer Reise. Dass es uns schockieren würde, wussten wir. Auch, dass es einige Zeit dauern würde, bis wir das Gesehene verarbeitet hätten. Grelles Sonnenlicht erhellt den Innenhof, als wir Block 11 verlassen. Drückende Hitze lastet auf einem Ort, an dem vor 70 Jahren tausende Menschen den Tod fanden. Rechts fällt der Blick auf eine graue, mit Kork bedeckte Holzwand. Es scheint, als ob die Blumen, die an ihr hängen, die einzigen Farben an diesem Ort sind. Der Platz ist umringt von düsteren Backsteinmauern. Dazwischen verbarrikadierte Fenster, knarrende Türen. Der einzige Weg aus dem Innenhof ist ein hölzernes Tor. Für die Juden damals war der einzige Ausweg der Tod. Noch vor einigen Monaten konnten wir uns nicht vorstellen, was uns dort erwarten würde. Jetzt haben wir es gesehen. In einer etwa sechsstündigen Führung besichtigten wir erst das kleinere Stammlager Auschwitz I, dann das größere Auschwitz II Birkenau. Eine Reise durch den größten Friedhof der Geschichte; die Eindrücke sind unvergesslich, die Bilder zu bedrückend, um sie in Worte zu fassen. Wir betraten den Innenhof von Block 25, den Platz, an dem auch Erna de Vries auf ihren Tod warten musste. Schüler Ansgar Ravensberg erinnert sich später: „Am schlimmsten fand ich die ganzen Überreste der Menschen, die man sehen konnte. Die Haare, die Kleidung“. Wir entscheiden uns, in den Konzentrationslagern kein Gruppenfoto zu schießen. Noch am selben Abend besuchten einige von uns ein Konzert in einer der großen Barockkirchen Krakaus, St. Peter und Paul: ein Ensemble spielte das Musikthema des Films „Schindlers Liste“.

Am Freitag, den 2. September, unserem vorletzten Tag in Krakau, führte uns Magdalena Oxfort noch einmal durch die Stadt. Dabei besichtigten wir das Wawelschloss, was auch UNESCO-Weltkulturerbe ist und mitunter beispielhaft für das „königliche Krakau“ steht und das Collegium Maius, die zweitälteste Universität Europa, in der auch der berühmte Astronom Nikolaus Kopernikus geforscht sowie gelehrt hat. Nach der einstündigen Führung versammelten wir uns vor den Tuchhallen auf dem Großen Markt und konnten wie durch Zufall pünktlich um 12 Uhr Mittag das Hejnal-Signal aus einem der zwei Türme der Krakauer Marienkirche hören. Dieses Signal des Triumphes wird zu jeder vollen Stunde mit einer Trompete in alle Himmelsrichtungen verbreitet. Im Anschluss daran zeigte uns der Assistent von Magdalena Oxfort den beeindruckenden Hochaltar in der Marienkirche von Veit Stoß, einem der bedeutendsten Holzbildhauer der Spätgotik, der lange Zeit in Krakau lebte und wirkte. Unsere letzte Station in der Krakauer Altstadt war die mittelalterliche Barbakane, eine imposante aus Backstein erbaute Verteidigungsanlage, die sich vor dem Florianstor befindet und den dortigen Eingang in die Stadt sicherte. Unsere Besichtigung wurde nach kurzer Zeit von einer Parade unterbrochen, die wir neugierig beobachten konnten: die Militärschule, die Feuerwehrschule und die Polizeischule Krakaus organisierten an diesem Tag das Fest zum Feiertag der Stadtgründung und begrüßten in unserer Anwesenheit den Krakauer Bürgermeister. Da dies der letzte Tag unserer Krakau-Reise war, hatten wir im Anschluss noch viel Zeit, „die Stadt noch einmal aus unserer Perspektive zu sehen“, so Magdalena Oxfort. Bis zum Abend haben wir uns ein letztes Mal durch die historischen Viertel Krakaus begeben, landestypische Gerichte probiert, Andenken an die Reise erstanden und auch die Sonne auf dem Hauptmarkt und an der Weichsel genossen.

Jetzt sind zwei Wochen vergangen seit unserer Reise nach Krakau und Auschwitz. Die meisten von uns haben das dort Erlebte verarbeitet. Nun geht es darum, unsere Eindrücke aufzuschreiben, vom Check in am Flughafen bis hin zu den Konzentrationslagern, der drückenden Hitze von Auschwitz. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft, die wir mit den Lehrern Feldkämper und Mense-Frerich gegründet haben, bereiten wir die Fahrt in Form einer Ausstellung nach. Diese wird in der Schule und im Westpreußischen Landesmuseum zu sehen sein. Immer wieder schießen uns beim Schreiben Bilder durch den Kopf, die vermeintlichen Duschen in den Gaskammern, die Verbrennungsöfen, die Schwarze Wand im Todeshof von Block 25. Jedem sollen die Erfahrungen und Bilder zugänglich sein, ganz im Zeichen unseres Mottos: „Erinnern gegen das Vergessen“.

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