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Abitur: Alles halb so schlimm?

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Fotos wecken Erinnerungen: 55 Jahre nach ihrem Abitur kann sich Gabriele Fiedler noch an ihre Lehrer und Mitschüler erinnern. Foto: © Adrian Grimpe.

Abitur früher und heute: die Unterschiede

Bericht von Adrian Grimpe

Wochenlanger Lernstress, Aufregung, Nervenkitzel, gefolgt von bis zu fünf Stunden langen Prüfungen – nur einige der Begriffe, die einem Schüler zum Thema Abitur in den Sinn kommen. Viele, die die Prüfungen noch nicht geschrieben haben, stellen sich das Abitur so vor. Das ist nicht immer so gewesen. Denn vor gut 50 Jahren war das Schulsystem in Deutschland noch ganz anders. Das galt auch für das Mariengymnasium Warendorf, das damals noch eine Mädchenschule war. Vieles hat sich im Laufe der Zeit geändert. Nicht wenige behaupten, das Abitur sei einfacher geworden. Was unterscheidet das damalige Schulsystem von dem heutigen?

Früher: das Abitur als große Ausnahme

Zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland gab es an der weiterführenden Schule für Mädchen zwei unterschiedliche Zweige: den neusprachlichen Zweig und die Frauenoberschule. Bei ersterem lag der Schwerpunkt auf den lebenden Fremdsprachen, insbesondere Englisch und Französisch. Naturwissenschaften wie Biologie oder Chemie gab es aber auch. Im Zweig der Frauenoberschule ging es um Hauswirtschaft und praktische Fähigkeiten, wie Kochen oder Handarbeit. Schüler beider Zweige konnten das Abitur machen, den Hauswirtschaftszweig zu durchlaufen war allerdings einfacher. Mit Abschluss der 10. Jahrgangsstufe bestand die Möglichkeit, die Schule mit der „mittleren Reife“ zu verlassen. Gabriele Fiedler, eine ehemalige Schülerin aus dem neusprachlichen Zweig, erinnert sich: „Anfangs waren wir 54 Schülerinnen in unserer Klasse. Davon haben 19 Abitur gemacht“. Tatsächlich war es eine Seltenheit, das Abitur anzustreben. Aber warum? Für viele sei die mittlere Reife vollkommen ausreichend gewesen, so die 75-Jährige. Schließlich seien damit die meisten Ausbildungen schon möglich gewesen. Viele hätten danach auf den Höfen ihrer Eltern mitgeholfen. Das Abitur machten diejenigen, die „ihren Beruf im Auge hatten“.

Die Abiturfächer – alles schon vorgegeben?

Damals wie heute ging es nach der 10ten mit der Oberstufe weiter. Das System hat sich aber auch dort geändert: Man wird heute nicht mehr in Klassen, sondern in Kursen unterrichtet. Somit hat man mit vielen verschiedenen Schülern Unterricht. Die Fächer und Schwerpunkte wählt man selber, auch die den Schwerpunkten entsprechenden Abiturfächer. Je nach Wahl sind diese Fächer unterschiedlich wichtig. „Jetzt sind auch individuelle Schullaufbahnen möglich“, so der ehemalige Lehrer Dr. Ekkehard Gühne. Es gibt Leistungskurse und Grundkurse, die wiederum mündlich oder schriftlich gewählt werden können. Ein Leistungskurs wird in der Woche 5-stündig unterrichtet und zählt damit beim Notendurchschnitt wesentlich mehr als ein Grundkurs; diese hat man nur in drei Stunden. Hinzu kommen reguläre Freistunden. Das heißt also: Nachmittagsunterricht gibt’s auch.
In der früheren Mädchenschule war das anders: Die Schüler verbrachten die ganze Schulzeit in derselben Klasse, auch noch in der Oberstufe. Schriftliche Abiturfächer waren fest vorgegeben: Deutsch, Mathematik, Englisch. Dazu kam, je nach Wahl der Schülerin, Latein oder Französisch. Aber auch wenn man kein Französisch oder Latein mehr hatte, so musste man trotzdem während dieser Unterrichtsstunden dabei sein. Gabriele Fiedler erinnert sich: „Die anderen machten Unterricht. Wir saßen dann hinten und mussten nichts tun.“ Neben den schriftlichen gab es damals wie heute auch mündliche Prüfungen. Mit dem Unterschied: Heute hat jeder ein mündliches Abifach, früher wurden nur einzelne Schüler stichprobenartig geprüft. Frau Fiedler musste zum Beispiel in Musik eine Flötensonate von Händel vorspielen. Damit war sie aber eine der wenigen. Die schriftlichen Prüfungen dauerten sechs volle Stunden, heutzutage fünf.

Was die Inhalte der Prüfungen betrifft…

Hinsichtlich der Inhalte der Abiturprüfungen hat sich einiges getan. Heute stehen in Fach Deutsch Analysen und Interpretation im Vordergrund, in Englisch und anderen Sprachen kommt dazu noch der mündliche Gebrauch.
Damals gab es in Deutsch noch zusätzlich den sogenannten „Besinnungstext“, eine Erörterung, bei der die Urteilsfähigkeit geprüft wurde. Die Inhalte der Fremdsprachenfächer fielen im Unterricht und in den Prüfungen ebenfalls anders als heute aus. Der mündliche Gebrauch war „stark untergeordnet“, so Dr. Ekkehard Gühne. Viel mehr legte man Wert auf den Umgang mit der Literatur, in Englisch z. B. ganz klassisch auf Shakespeare. Tatsächlich lernte man das Sprechen der Sprachen kaum. Dazu ergänzt Frau Fiedler: „In Französisch mussten die Prüflinge dann einen Haufen Zettel auswendig lernen und aufsagen. Aber mit deren mündlichen Fähigkeiten war das ja gar nicht so einfach“.
Heute werden die Abiturklausuren zentral gestellt. Das heißt, die Landesregierung erstellt Aufgaben und Erwartungshorizonte bereits im Vorfeld. Jeder Schüler hat dieselben Aufgaben. Damals war das von den Lehrern abhängig. Zwar wurden die Klausuren von der Schulabteilung in Münster noch einmal kontrolliert. Trotzdem – die Aufgaben stellte jeder Lehrer selber.

Heute: weniger schlechte Noten?

„Früher gab es keine guten Noten“, behaupten viele. Heute sei sie enorm wichtig, die Benotung. Bei einigen Studiengängen benötigt man mindestens einen Durchschnitt unter 2.0, um überhaupt Chancen zu haben.
Früher war das nicht so. Denn ein Numerus Clausus an Universitäten existierte noch nicht. Die Durchschnittsnote hatte somit viel geringere Bedeutung. Selbst mit einem „schlechten“ Schnitt konnte man den gewünschten Beruf anstreben. Wer allerdings eine 5 in einem Fach bekam, bei dem war das Abitur gescheitert. In Gabriele Fiedlers Klasse sind von den 19 Schülern 2 durchgefallen. Heute können Defizite mit anderen Fächern ausgeglichen werden.
Wer einmal einen Blick auf die Noten der Marienschülerinnen in den 60er Jahren wirft, wird allerdings schnell stutzig beim Vergleich mit den heutigen Noten. 15 Punkte – sehr gut plus? Das kommt heute schon einmal vor. Damals „undenkbar“, sagt Frau Fiedler. Eine 2 war bereits das Beste, was jemand haben konnte. Mit einer 3 war jeder zufrieden, und eine 4 reichte wirklich aus. Nur bei einer 5 war man eben gescheitert. So erinnert sich die ehemalige Schülerin. Einsen und Sechsen habe es kaum gegeben.

Und nach dem Abitur?

„Feiern!“ lachen Tabea Klumpe und Leonie Löbke, zwei Schülerinnen, die dieses Jahr ihr Abitur gemacht haben. Nach Feiern war den Schülerinnen vor 50 Jahren wenig zumute. Zwar hat es mehrere Tanzkurse und Bälle im Laufe der Schulzeit gegeben. Beim mündlichen Abitur selber zogen die Marienschülerinnen damals schicke Kostüme an und, bei Frau Fiedlers Klasse damals ganz neu, Anstecker mit den Farben ihrer Klasse. Die Laurentianer, damals nur Jungen, zogen auf Kutschen durch die Stadt und trugen ihre traditionellen Schirmmützen. Auch habe es einen Abschlussball gegeben, so die ehemalige Schülerin. Aber der sei reine Formalität gewesen. Sehr familiär und ohne große Vorbereitung. Hinzu kam noch die zeremonielle Überreichung der Noten, bei der die Schülerinnen dann das Lieblingslied ihrer Stufe sangen. „Unser traditionelles Lied war ‚Komm, süße Freiheit‘“, erinnert sich Frau Fiedler und summt dazu die Melodie. Aber das war auch schon alles.
Wer heute einen Blick auf die Oberstufe wirft, dem fällt auf, dass die Vorbereitung rund um das Abitur eine viel größere Rolle eingenommen hat. Bereits zu Beginn der Oberstufe tun sich die Schüler in Komitees zusammen. Deren Aufgaben: Geld sammeln, Standorte für den Abiball suchen, Aktionen planen, und später auch die Mottotage organisieren. Apropos Mottotage. Gefeiert wird viel, und vor den Osterfeiern bekommen das auch die anderen Schüler zu spüren: Zur Tradition ist geworden, dass sich dort alljährlich Schüler des Abiturjahrgangs ihren Mottos entsprechend verkleiden und in den Pausen mit lauter Musik leidenschaftlich feiern. Wasserpistolen sorgen für Action, und zur Krönung des Tages werden Streiche an den anderen Schulen inszeniert. Feiern ist eine Sache, doch zum Abitur gehören auch Prüfungen und Lernarbeit.

Prüfungsangst

„Die Lehrer waren aufgeregter als die Schüler“, stellen Tabea Klumpe und Leonie Löbke fest. Natürlich sei man zwar immer aufgeregt vor einer Klausur gewesen. Die Schwierigkeit bestehe aber nicht unbedingt in den Aufgaben, sondern vielmehr im Umfang des Stoffes. Sie selber hätten zwei Monate vor den Prüfungen angefangen, den Stoff zu wiederholen – und seien jetzt ziemlich zufrieden mit sich selbst. Tatsächlich hätten sie gar nicht so viel lernen müssen. „Es gibt aber auch welche, die viel mehr lernen und dann am Ende trotzdem nicht zufrieden sind“, räumen die beiden ein. Stress habe man beim Lernen auch nicht. Der komme erst kurz vor den Klausuren. Dagegen Frau Fiedler: „Gelernt haben wir damals viel. Es war schon ein großer Lernaufwand. Besonders bei den schriftlichen Fächern“.
Jetzt, da die Prüfungen vorüber sind, stellt sich aber noch eine andere Frage. Wie beurteilen die Schüler das Abitur? „Schwer war es auf jeden Fall“, entscheidet Frau Fiedler. „Gar nicht so schlimm, wie man sich vorstellt“, da sind sich Tabea und Leonie einig. Das passt nicht zusammen. Ob das Abitur also leichter geworden ist? Dazu Dr. Ekkehard Gühne: „Die Anforderungen haben sich geändert. Es gibt neue Schwerpunkte“. Er selber bezweifelt allerdings, dass die Prüfungen leichter geworden seien. Aber auch wenn sich die Meinungen unterscheiden, in einem Punkt sind sich alle einig: Einen hohen Stellenwert habe das Abitur nach wie vor.

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